Fraunhofer begleitet Oktoberfest wissenschaftlich

Die Landeshauptstadt München hat das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB mit der wissenschaftlichen Begleitung des Crowd Monitorings auf dem Oktoberfest 2026 beauftragt. Das Fraunhofer IOSB setzt dafür sein bei früheren Großveranstaltungen bereits testweise genutztes wissenschaftliches Experimentalsystem GeoVID ein und entwickelt es unter den besonderen Bedingungen der Wiesn weiter. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen der Stadt München helfen, das Sicherheitsmanagement bei künftigen Oktoberfesten weiter zu verbessern. Ergänzend nutzt die Universität der Bundeswehr München die Wiesn als Reallabor für eigene Forschungsarbeiten zu Personenströmen.
Fraunhofer forscht seit vielen Jahren an KI-gestützten Verfahren zur Auswertung von Videodaten in vielfältigen Anwendungskontexten. Der Projektauftrag umfasst die nachträgliche wissenschaftliche Auswertung der Besucherströme und die Evaluation des Crowd Monitorings. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer IOSB untersuchen, welche Erkenntnisse sich mithilfe KI-gestützter Videoauswertung über Personendichten und Bewegungsströme gewinnen lassen und wie sich die eingesetzten Verfahren weiter verbessern lassen.
„Die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher hat für uns höchste Priorität. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres haben wir gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden, den Wirten, den Beschickern und der Festleitung zahlreiche Maßnahmen angestoßen. Mit der wissenschaftlichen Begleitung durch das Fraunhofer gehen wir nun einen weiteren Schritt. Wir wollen aus den Erfahrungen dieser Wiesn belastbare Erkenntnisse gewinnen, mit denen wir unser Sicherheitskonzept für kommende Oktoberfeste kontinuierlich und umfassend weiterentwickeln können“, sagt Dr. Christian Scharpf, Referent für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München und zuständig für das Oktoberfest.
Nach einer zeitweiligen Überfüllung in einem Teil der Wirtsbudenstraße im Jahr 2025 hatte die Stadt München zusätzliche Maßnahmen zur frühzeitigen Erkennung dichter Menschenansammlungen und zur Steuerung der Besucherströme beschlossen. Dazu gehören unter anderem gezieltes Crowd Spotting, die Einrichtung von über 50 Kameras an 35 Positionen und deren Auswertung mit KI-Unterstützung. Zudem hat die Stadt im Servicezentrum Theresienwiese eine neue Sicherheitszentrale und einen neuen Koordinierungsraum geschaffen. Kernstück des Projekts ist die multimediale Konferenz- und Kommunikationstechnik mit rund 22 Quadratmetern Bildschirmfläche.
Die KI detektiert Menschen, erkennt aber keine Personen
Das wissenschaftliche Experimentalsystem GeoVID des Fraunhofer IOSB wertet Videobilder der bestehenden Kameras auf dem Festgelände mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) aus. Die KI ist ausschließlich darauf trainiert zu detektieren, wo sich Menschen im Bild befinden. Vereinfacht dargestellt, teilt das System die Szene in ein Raster ein und ermittelt für jedes Kästchen in Echtzeit die Anzahl und die Personendichte pro Quadratmeter. Aus dem zeitlichen Verlauf lassen sich Bewegungsrichtungen und Veränderungen von Besucherströmen ableiten.
„Unsere KI betrachtet ausschließlich die Menschenmenge als Ganzes. Sie identifiziert keine Personen und wertet weder Gesichter noch andere individuelle Merkmale aus“, erklärt Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer, Institutsleiter des Fraunhofer IOSB und Vorsitzender des Fraunhofer-Leistungsbereichs Verteidigung, Vorbeugung und Sicherheit VVS. „Das Oktoberfest bietet uns die besondere Möglichkeit, unsere Verfahren unter realen und sehr anspruchsvollen Bedingungen zu untersuchen und weiterzuentwickeln. Das ermöglicht entscheidende Schritte vom Forschungsansatz hin zur praxistauglichen Lösung, die den Verantwortlichen der Landeshauptstadt München hilft, komplexe Situationen künftig besser zu verstehen, Risiken frühzeitig zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen – und damit letztlich die Sicherheit derartiger Großveranstaltungen weiter erhöht.“
Forschung unter realen Bedingungen
Als eine von vielen Fraunhofer-Forschungsaktivitäten im Bereich der öffentlichen Sicherheit entwickelt das Fraunhofer IOSB seit mehreren Jahren Verfahren zur videogestützten Analyse von Menschenmengen und deren Bewegungsmustern. Ziel ist es, Veranstaltern sowie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Sicherheitsunternehmen eine bessere Informationsgrundlage für die Planung und Durchführung von Großveranstaltungen bereitzustellen. Bisher hat das Institut entsprechende Verfahren unter anderem bei Konzerten und Fußballspielen getestet. Das Oktoberfest stellt aufgrund seiner Größe, der hohen Besucherzahlen und der komplexen Bewegungsströme besondere Anforderungen.
Datenschutz und Persönlichkeitsrechte werden dabei nach dem Grundsatz „Privacy by Design“ bereits bei der Entwicklung berücksichtigt. Ein Entwicklungsgegenstand ist ein technischer Privacy-Filter, der die Bildauflösung vor der weiteren Verarbeitung so begrenzt, dass die für das Crowd Monitoring notwendigen Informationen erhalten bleiben, Personen jedoch nicht identifizierbar sind. Aufbewahrt werden ausschließlich anonyme Ergebnisse. Das Klarvideo kann zwar im Live-Modus auf die Karte projiziert werden, wird aber nicht gespeichert.
Von der Erfassung zur Prognose: Universität der Bundeswehr München erforscht die Dynamik von Personenströmen
Auch die Professur für Intelligente, Multimodale Verkehrssysteme der Universität der Bundeswehr München nutzt die Wiesn 2026 als Reallabor für die Erforschung von Personenströmen – unabhängig vom Auftrag der Landeshauptstadt München an Fraunhofer und mit eigenem Schwerpunkt. Auf Basis der Videoströme der auf dem Festgelände installierten Kameras entwickelt und erprobt die Universität eigene Verfahren und legt dabei den Fokus darauf, Personenstromsimulationen weiterzuentwickeln und zu validieren. Perspektivisch soll so möglich werden, die Entwicklung von Besucherströmen zu prognostizieren, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen und die Wirkung möglicher Maßnahmen zu simulieren. Langfristig könnte dies Verantwortliche dabei unterstützen, Handlungsoptionen zu bewerten.
„Entscheidend ist für uns nicht nur zu wissen, wie viele Menschen sich wo befinden, sondern zu verstehen, wie sich Personenströme entwickeln und wie sich eine Situation in den nächsten Minuten verändern kann. Die Wiesn bietet uns die einmalige Möglichkeit, unsere Modelle mit realen Daten einer hochkomplexen Großveranstaltung zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Unser Ziel ist es, Erfassung, Simulation und Prognose künftig so miteinander zu verbinden, dass kritische Entwicklungen frühzeitig erkannt und Verantwortliche bei ihren Entscheidungen gezielt unterstützt werden können“, sagt Univ.-Prof. Dr.-Ing. Silja Hoffmann von der Universität der Bundeswehr München.
Quelle: Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB
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